June 23, 2019: Proper 4C (Deutsch)

Proper 4C, 2019. Zion, Baltimore.
Isaiah 65:1-9; Psalm 22:19-28; Galatians 3:23-29; Luke 8:26-39
Pastor Eric Deibler

Viele Bibelgeschichten kommen uns etwas sonderbar vor, oft weil sie aus einer Zeit, einem Ort, und einer Kultur stammen, die sehr anders sind als unsere. Aber manchmal sind auch einfach die Geschichten selbst sonderbar. Es gibt z.B. die Geschichte von Bileam und seinem Esel. Das Buch der Richter nimmt einige sehr sonderbare Wenden, während wir Israel dabei zusehen, wie es im Chaos versinkt.

Die Geschichte von der Heilung des besessenen Geraseners ist eine dieser Bibelgeschichten, die einfach sonderbar sind, und sie wäre sonderbar, egal welche Kultur, Zeit, oder Ort. Der sonderbare Teil kommt erst etwas später. Leider ist es nicht sonderbar, daß außergewöhnliche Menschen, die aus Gründen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, eine mögliche Gefahr für sich oder ihre Mitmenschen darstellen, und deswegen irgendwo weggesperrt werden, wo sie dem Blick der Öffentlichkeit entzogen sind. Wir haben Institutionen, wo Menschen behandelt und langfristig gepflegt werden, auch wenn es nicht genügend von ihnen gibt und sie nicht unbedingt von bester Qualität sind. Weil es damals keine solche Institutionen gab, haben die Führer der Gemeinschaft des besessenen Geraseners ihn mit Ketten gefesselt und bewacht.

Es baut sich Widerstand gegenüber Jesus auf. Seine Taten haben seine ungewöhnliche, einige würden „merkwürdige“ sagen, Natur offenbart. Heilen, Dämonen austreiben, einen jungen Mann vom Tod auferwecken, den Sturm, der das Boot der Jünger in der vorhergehenden Nacht bedrohte, zähmen… Zusammengenommen, enttarnen seine Taten Jesus als keinen üblichen Lehrer oder Rabbi. Also sind die Mächte, die sich gegen Jesus formieren, nicht nur politisch, sondern auch geistlich. Genau die gleichen Mächte, die sich Gott widersetzen.

Jesus verläßt das vertraute, hauptsächlich jüdische Gebiet von Galiläa und überquert den See zu dem Land der Gerasener. Es ist ein heidnischer Ort, nicht ein Ort, den sich ein jüdischer Rabbi üblicherweise aussucht. Und nach jüdischen Sitten, ist der besessene Mann unrein. Der Mann wohnt mit den Toten in Grabhöhlen. Grabhöhlen sind wiederum unrein. Was alles zusammen heißt, daß Jesus, der wandernde jüdische Rabbi, der das kommende Reich Gottes verkündigt, zu einem unreinen Land reist, um dort ein Mann mit einem unreinen Geist zu treffen, der an einem unreinen Ort lebt. Kurz gesagt, ist das der allerletzte Ort, wo Jesus sich befinden soll.

Das ist aber wo Gott am meisten auftaucht. In unseren Momenten des tiefsten Zweifels, der Trauer, des Verlusts, und der Niederlage. Und unter denen, die vielleicht kein Interesse an und schon gar keine Beziehung mit Gott haben.

Nach dieser Begegnung segelt Jesus interessanterweise wieder nachhause. Also, der ganze Trek über das stürmische Meer und die turbulente Auseinandersetzung mit den Stadtbewohnern, die wegen des Verlusts ihres Viehbestands bestürzt sind und sich vor der Macht dieses Rabbis fürchten, ist nur geschehen, um diesen unreinen Mann, der von einem unreinen Geist besessen ist und an einem unreinen, verlassenen Ort wohnt, zu treffen. Was heißt, dass es keinen Ort gibt, an Gott nicht bereit ist zu gehen, um diejenigen, die gebrochen und verzweifelt sind, zu erreichen und befreien und versorgen und zu heilen.

In dieser postmodernen Zeit berührt uns die Rede von der Besessenheit durch Dämonen unangenehm. Wenn wir die Besessenheit durch Dämonen aber weglassen, geht uns die Pointe dieser Geschichte und ihre Macht verloren. Von einem unheiligen Geist oder Geistern besessen, ist der Mensch nicht mehr willig von dem Heiligen Geist besessen zu sein. Von der Quelle des Lebens abgeschnitten, ist der Besessene von Sünde erfüllt, und von Gott und allen anderen isoliert.

Der besessene Gerasener, von unheiligen Geistern besessen, geistert in der Grabhöhlen seiner Gemeinschaft herum, ein Kamerad von nur den Toten, und völlig allein. Das Alleinsein des besessenen Geraseners ist angesichts seines Zustands nicht verwunderlich, und auch die offensichtliche Bereitschaft Jesu zu heilen und retten ist es nicht; das griechische Wort „sozo“ kann sowohl „heilen“ als auch „retten“ heißen.

Mittlerweile wissen wir daß das Mitleid Jesu für die Kranken und die von Dämonen Besessenen kein Ende kennt. Aber, und das ist das Überraschende, das Unerwartete was Jesus tut: er tut mehr als einfach die Dämonen aus dem armen Bürger von Gerasa austreiben. Er fragt den besessenen Gerasener nach seinem Namen, und erkennt so seine Menschlichkeit an. Und die unheiligen Geister reagieren mit dem Wort „Legion“.

Bis zu diesem Punkt hört sich die Geschichte so an wie eine normale Heilungsgeschichte. Für die Leute im alten Rom aber, hatte „Legion“ nur eine Bedeutung: eine Einheit von etwa 6,000 römischen Soldaten. Die Besatzungsarmee. Also hat dieser Exorzismus nicht nur eine spirituelle Bedeutung, sondern auch eine soziale und politische. Die Wortwahl von Lukas in dieser Geschichte ist politisch aufgeladen. Als der Mann Jesus „konfrontiert“, benutzt Lukas ein Verb, das er anderswo benutzt für Armeen, die sich im Kampf begegnen. Wenn der Dämon den Mann „befällt“, wird das gleiche Verb anderswo verwendet, wenn Christen verhaftet und zum Prozess gebracht werden. (Apostelgeschichte 6:12, 19:29) Die Wörter für die Hand- und Fußketten, fürs Fesseln und Gefangenhalten, sind die gleichen, die Lukas in der Apostelgeschichte verwendet, als die Jünger gefangen werden. Die Sprache dieser ganzen Geschichte ruft die Vorstellung hervor, wie es ist, unter einer brutalen Besatzungsmacht zu leben.

Es war in Gerasa, wo die Römer eintausend junge Männer töteten, ihre Familien in Haft nahmen, die Stadt niederbrannten, und danach die umliegenden Dörfer angriffen. Viele derjenigen, die in den Grabhöhlen von Gerasa begraben wurden, wurden von den römischen Legionen abgeschlachtet.

Als der unheilige Geist Legion Jesus begegnet, bittet Legion Jesus, nicht in den Abgrund geschickt zu werden. Jesus erlaubt Legion, eine Herde Schweine zu befallen, die sich sofort ertränken. Das erinnert uns daran, daß Jesus sich im Heidengebiet findet, denn für Juden sind Schweine unreine Tiere.

Die Schweinehirten bekommen das Ganze mit und laufen fort, um die Nachrichten zu verbreiten. Als sie zusammen mit Leuten aus der Stadt und Umgebung wiederkommen, finden sie den befreiten Mann gelassen zu Jesu Füßen sitzend, bekleidet und vernünftig. Sie hören wie der Mann befreit wurde, feiern seine guten Nachrichten aber nicht mit. Stattdessen ergreift sie überwältigende Angst und hält sie gefangen. Die Freiheit entpuppt sich als zu gefährlich, zu teuer. Obwohl Legion aus dem Mann ausgetrieben wurde, kontrolliert die Erinnerung an Legion seine Gemeinschaft noch.

Die Gerasener bitten Jesus wieder los zu ziehen. Jesus geht weg, wie sie ihn gebeten haben, aber erst befiehlt er dem Mann zu der Stadt zurückzugehen und dort zu erzählen was Gott für ihn getan hat. Der Mann gehorcht und verbreitet nah und fern die guten Nachrichten von den kraftvollen Taten, die Gott durch Jesus tut.

Diese ganze Geschichte ist eine Einladung. Sie lädt uns ein zu überlegen, was Jesus zu tun hat mit den Kräften, die uns besitzen und kontrollieren. Sie fordert uns heraus, über die Herrschaft Jesu über die Kräfte zu reflektieren, die das menschliche Leben zerstören. Wie viele Menschen werden von einer traumatischen Vergangenheit geplagt und von Erinnerungen gequält? Wie viele leben ohne Obdach und mangelnd gekleidet wegen sozialer und ökonomischer Sogkräfte, die sie nicht überwinden können, egal wie hart sie dagegen ankämpfen? Wie viele sind inhaftiert, als kaum menschlich angesehen, ausgeschlossen, ausgestoßen? Wie viele sind zu Sklaven ihrer Sucht geworden und wissen nicht mehr, wo die Sucht endet und das eigene Selbst anfängt? Wo trennen die herrschenden Autoritäten Menschen von ihren Familien, um ihnen die Möglichkeit vorzuenthalten ein besseres Leben zu suchen? Wo werden ganze Gemeinschaften von Besatzungsarmeen brutalisiert und in Furcht gefangen gehalten?

Jesus kommt, um all jene Mächte herauszufordern und auszutreiben, die uns daran hindern in Vollkommenheit und Freiheit zu leben, als Menschen, die nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. Jesus beansprucht Herrschaft nicht nur über unsere Seelen, sondern auch über unser Leben hier auf Erden.

Ironischerweise, nicht wie die Gerasener unähnlich, sträuben wir uns oft gegen diese Nachricht. Befreiung von Legion ist zu erschreckend, zu anspruchsvoll, zu teuer. Aber diejenigen, die schon durch Jesus geheilt und befreit worden sind, erkennen seine befreiende Liebe tatsächlich als gute Nachricht, das Evangelium, das er uns befiehlt in unseren Städten und Dörfern zu verkündigen.

Es gibt keine Bedingungen, die erst erfüllt werden müssen, um die Liebe Gottes zu empfangen. Man muß nicht reich sein… oder arm. Man muß nicht von einer ethnischen Gruppe sein… oder einer anderen. Man muß nicht sein ganzes Leben lang geglaubt haben, oder erst neulich zum Glauben gekommen sein, oder überhaupt irgendwelchen Glauben besitzen. Jesus sucht alle auf, sogar einen unreinen Man, der von einem unreinen Geist besessen wurde, der an einem unreinen Ort wohnt. Gott liebt alle gleichermaßen: Man und Frau; Jung und Alt; Schwul und Hetero; Weiß, Schwarz, Asiatisch, Latino; Gläubige und Nichtgläubige; Christ, Jude, Buddhist, Muslim, Atheist; die Liste geht immer weiter.

Also, wie ist es mit uns? Wo gehen wir willig hin? Wen würden wir willig lieben? Es ist keine leichte Aufgabe. Aber wir nehmen sie an und gehen heraus mit dem Wissen, daß Gott bei uns ist, und durch uns wirkt, um die Bedürftigen aufzusuchen, um ein Wort des Erbarmens und der Gnade mitzuteilen, und um von der Hoffnung, die wir auf Jesus haben, Zeugnis ablegen; derjenige, der uns immer wieder aufsucht, wenn wir uns niedergeschlagen fühlen, im Schattenland gefangen, hoffend auf einen neuen Namen, Identität, und Zukunft. Und noch heute wirkt Gott durch Jesus, und bringt das Reich Gottes zur Verwirklichung, wie im Himmel, so auf Erden. AMEN

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