July 1, 2018: Proper 8B (Deutsche)

Predigt über Markus 5,21-43
Zionskirche, den 1. Juli 2018
Pastor Anke Deibler

Gnade sie mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

Vor ein paar Jahren ging eine traurige Geschichte durch die Nachrichten: Ein 15-jähriger Junge verblutete nur 12 Meter von den Türen der Unfallambulanz eines Krankenhauses entfernt. Anscheinend war der Junge zwischen zwei Gangs geraten und angeschossen worden. Seine Freunde schafften es, ihn bis fast zum Eingang des Krankenhauses zu tragen, und liessen ihn dort. Da auf dem Bürgersteig blieb der Junge 25 Minuten lang ohne Hilfe.

Das Problem war nicht, daß er nicht rechtzeitig entdecket wurde. Das Personal wußte, daß er dort war. Das Problem war, daß Krankenhausregeln es Ärzten und Krankenschwestern nur erlaubten, Patienten zu behandeln, die in die Ambulanz gebracht worden waren. Die Regeln erlaubten es inhen nicht, nach draußen zu gehen und Leute zu behandeln; sie mußten reingebracht werden.

Daher mußten die Mediziner warten, bis ein Krankenwagen zu dem Jungen fahren, ihn aufsammeln, ihn die 12 Meter fahren und in die Unfallambulanz bringen konnte. Als er dort ankam, war er tot.

Diese Geschichte ist echt tragisch. Nur weil die Freunde den Jungen die letzten 12 Meter nicht auch noch getragen hatten, nur weil Regeln das Krankenhauspersonal daran hinderten, ihn draußen zu behandeln, ging ein Leben verloren.

Unser Evangelium zeigt, wie Jesus daran arbeitet, solche Probleme zu beseitigen. Zwei Menschen brauchen Heilung – und zwei Menschen werden von Jesus geheilt, auf zwei verschiedene Weisen.

Die erste kranke Person, von der wir hören, ist die Tochter von Jairus, einem Obersten der Synagoge, ein herausragendes Mitglied der Gesellschaft. Sein kleines Mädchen ist krank.

Jesus ist zu einer Gegend am See Genezareth zurückgekommen, in der er schon mal gewesen war. Markus erzählt, daß Jesus dort viele Krankheiten unter den Leuten geheilt hatte. Jairus muß bestimmt von Jesus und seiner Heilungskraft gehört haben.

Wenn es sich also herumspricht, daß Jesus wiederkommt, geht Jairus sofort zu ihm. Er ist ein Oberster, ein prominenter Bürger; ich denke, es fiel ihm nicht schwer, zu Jesus vorzudringen. Die Menge macht für so jemanden Platz. Aber was Jairus schwergefallen sein muß, ist was er als nächstes tut: Jesus zu Füßen fallen und ihn anflehen. Er bittet Jesus sehr, lesen wir, und fleht ihn an, zu seinem Haus zu kommen und seine Tochter zu heilen. Dieser verzweifelte Vater fällt auf seine Knie, erniedrigt sich vor all diesen Leuten, die normalerweise zu ihm aufblicken, alles aus Liebe für seine Tochter. Jairus hat keinen Zweifel, daß Jesus seine Tochter heilen kann.

Jesus sieht diese Liebe, diese Hingabe, diesen Glauben des Jairus. Er hat Mitleid mit diesem Mann und ist bereit, ihm zu seinem Haus zu folgen.

Dieses Mädchen hat eine tolle Familie. Ihr Vater macht sich große Umstände und ist bereit, sich zu erniedrigen und zu flehen und seinen Glauben zu offenbaren, alles um seiner Tochter willen. Er hat sie nicht nur bis auf 12 Meter an Jesus herangebracht und dort liegen gelassen, in der Hoffnung, daß Jesus sie finden und betreuen werde. Nein, dieser Vater stellt sicher, daß Hilfe und Heilung zu dem Mädchen kommen, wo sie sich befindet.

Die andere Person in der Geschichte ist eine ältere Frau. Sie leidet unter Blutfluß. Zwölf lange Jahre schon leidet sie darunter. Ärzte versuchten erfolglos, ihr zu helfen. Sie ist erschöpft und pleite.

Nicht nur leidet sie körperlich durch ihre Krankheit, sondern sie hat auch emotionale und spirituelle Schmerzen. Dem Gesetz nach sind Leute mit Blutfluß unrein; sie dürfen nicht in den Gottesdienst kommen. Diese Frau ist von der Gemeinde abgeschnitten.

Diese arme Frau, von Ärzten verlassen, von der Gemeinde verstoßen, von Kontakt mit Gott ausgeschlossen, diese arme Frau hat keine Familienmitglieder oder Freunde, die sie zu Jesus bringen könnten. Kein Vater fleht in ihrem Namen. Also muß sie Dinge in die eigenen Hände nehmen. Sie drängt sich durch die Menge und schafft es, nahe genug an Jesus heranzukommen, um sein Kleid zu berühren.

Sie hatte auch von Jesu Heilungskraft gehört. Jesus ist ihre einzige Hoffnung. Ihre Hoffnung und ihr Glaube sind so stark, sie ist überzeugt, daß sie geheilt werde, wenn sie nur das Kleid Jesus anrühre. Und das geschieht auch.

Jesus aber mag keine anonymen Heilungen. Als die Berührung seines Kleides die Frau heilt, weiß er sofort, daß Kraft von ihm ausgegangen ist. Er schaut sich um und sucht nach der Person, die diese Kraft erhalten hat. Er will wissen, wer so sehr an ihn glaubt.

Sobald er die Frau findet, spricht er sie an. Er nennt sie „Tochter“. Die Frau, die eine Außenseiterin ist, die als unrein bezeichnet wird, die keine Familie oder Freunde hat, diese Frau wird jetzt von Jesus „meine Tochter“ genannt. Jesus adoptiert sie in seine Familie. Jesus will sicherstellen, daß sie nie wieder allein und verlassen sei.

Jesus heilt sie. Jesus macht sie zu einem Teil der Familie Gottes. Wenn Jesus zu ihr sagt: „Dein Glaube hat dich gesund gemacht“, dann beinhaltet das Wort „gesund“ mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit. Es bedeutet Freude, Wohlergehen, Ganzheit. Die Frau hatte nur das Kleid Jesu berühren wollen, um das Bluten zu stoppen. Aber Jesus will mehr für sie: Jesus will sie kennen und eine Beziehung mit ihr haben, sie zu einem Teil seiner Familie machen und mit Freude und Frieden und Hoffnung segnen.

Um das zu erreichen, ist Jesus bereit, seine übliche Handlungsweise zu verlassen. Er ist bereit, seine Pläne zu unterbrechen. Er ignoriert Regeln und Gesetze. Jesus liegt diese kranke, einsame Frau so am Herzen, dass er die Norm bricht und sie zu einem Mitglied seiner Gemeinschaft macht. Darin ist er ganz anders als die Mediziner im Krankenhaus in Chicago, die zu lange warteten und einen jungen Menschen sterben liessen.

Jesus heilt zwei Menschen. Er heilt ein kleines Mädchen, dessen liebevoller Vater aus Glauben handelt und Jesus zu ihr bringt. Und er heilt eine einsame, blutende Frau, die die Hand nach ihm ausstreckt und Teil seiner Familie wird.

Diese zwei Menschen, das Mädchen und die Frau, stehen für zwei Arten, in denen Leute ihren Weg zu Jesus finden, die Quelle aller Heilung und alles Friedens. Die meisten von uns hier heute Morgen sind auf eine dieser beiden Weisen zu Jesus gekommen.

Einige von uns hatten liebe, fürsorgliche Menschen, die ihren Glauben auslebten und Jesus in unser Leben brachten. Sie teilten ihren Glauben mit uns, lehrten uns zu beten, lasen uns Bibelgeschichten vor, brachten uns zu Gottesdienst und Sonntagsschule. Wie Jairus investierten sie viel Liebe und Demut und Glaube – und vielleicht Flehen? – darin, Jesus in unser Leben zu bringen. Das Resultat war, dass Jesus uns berührte. Er nahm uns bei der Hand und half uns zu gehen: den Weg des Glaubens, den Weg im Licht des Herrn, den Weg der Versicherung, dass Jesus sich kümmert, den Weg des Friedens und der Freude und der Hoffnung, die nur Jesus schenken kann.

Vielleicht waren es Eltern, die das für uns getan haben. Vielleicht waren es Grosseltern oder Paten oder Nachbarn oder Sonntagsschullehrer. Jemand hat sich genug um uns gekümmert, um uns in die Gegenwart Christi und der Gemeinde Christi zu bringen. Dem Herrn sei gedankt für diese Leute, denn unser Leben ist glücklicher und besser mit Jesus.

Einige von uns haben wie die blutende Frau zu Jesus gefunden. Da waren keine Freunde oder Familienmitglieder, aber wir sehnten uns nach einem Wort des Trostes, einer sanften Berührung, einem Hoffnungsstrahl. Wir streckten uns nach Jesus aus und kamen zum Gottesdienst. Und hier drehte Jesus sich um und schaute uns in die Augen und nannte uns „Tochter“ und „Sohn“. Jesus adoptierte uns in seine Gemeinschaft und macht uns zu seiner Familie. Jetzt haben wir Brüder und Schwestern in Christus, die für uns beten, uns die Hand schütteln, an unserem Leben Anteil nehmen und Jesu heilende Gegenwart in unser Leben bringen.

Dank Jesu Christi sind wir besser dran, als der junge Mann ausserhalb des Krankenhauses in Chicago. Durch Jesus haben wir Familie und Freunde, die uns nicht alleine liegen lassen, sondern die uns zur Quelle aller Heilung bringen.

Durch Jesus sind wir eine neue Familie; eine Familie, die durch Taufe und Glaube vereint ist; eine Familie mitfühlender Menschen, die andere zu Jesus bringen; eine Familie unkonventioneller Leute, die bereit sind, Regeln und Normen dieser Welt zu ignorieren, um die Einsamen und die Verzweifelten, die Kranken und die Verlorenen zu retten.

Wir sind eine Familie, zu der Jesus gesagt hat: „Dein Glaube hat dich gesund gemacht. Geh hin in Frieden.“

Wir sind die Familie Gottes, die in der Versicherung lebt, dass Jesus am Tag unseres Todes zu uns kommen und uns bei der Hand nehmen wird und sagen wird: „Kind, ich sage dir, steh auf!“ Und er wird uns in dem Himmel auferwecken. Dem Herrn sei gedankt. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

Scope: 
Pastor's Blog
File Type: 
Sermon Text