Jan. 21, 2018: Epiphany 3B (Deutsch)

Epiphany 3B, January 21, 2018
Jonah 3:1-5,10; Psalm 62:5-12; 1 Corinthians 7:29-31; Mark 1:14-20
Pastor Eric Deibler

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

Ich bin mit zwei älterer Schwestern aufgewachsen und, kurz vor meinem 7. Geburtstag wurde meine jüngere Schwester geboren. Für lange Zeit war ich der Jüngste von Dreien. Ehrlich gesagt blieb dieser Status erhalten, bis meine jüngste Schwester aus dem Säugling/Kleinkind-Alter rausgewachsen war. Ich war immer noch der Jüngste, der mit den zwei älteren Geschwistern bedeutungsvolle Interaktionen hatte. D.h., wir drei haben weiterhin miteinander gespielt.

Da ich der Jüngste war, durfte ich fast nie die Regeln machen. Natürlich! Wenn wir „Familie“ gespielt haben, mußte ich das Baby sein. Wenn wir „Krankenhaus“ gespielt haben, mußte ich die Krankenschwester sein. Wenn wir „Pferde“ spielten (denn beide meine Schwestern waren wild auf Pferde), mußte ich der Stalljunge sein, der beim Hufereinigen zu grob war und sie zum Bluten brachte. Wenn wir „Cowboys und Indianer“ spielten, war ich derjenige, der sterben mußte, egal, ob ich Cowboy oder Indianer war. Was natürlich hieß, daß ich „tot“ auf dem Rasen liegen mußte, während die anderen beide weiterspielten. Falls ich es versuchte, mich wieder einzumischen, hörte ich: „He! Das kannst du doch nicht! Du bist noch tot!“ „Wieviel länger muß ich noch tot bleiben?“ „Bis wir dir Bescheid sagen!“

Gewiss ist daran nichts Einzigartiges. Wenn ihr auch mit Geschwistern aufgewachsen seid, habt ihr wahrscheinlich ähnliche Erfahrungen gemacht. Also werdet ihr wahrscheinlich auch Verständnis dafür haben, wenn ich sage, daß ich manchmal davon geträumt habe, ein Einzelkind zu sein. In meinem 5-, 6-, oder 7-jährigen Kopf, Einzelkind zu sein wäre perfekt gewesen! Ich hätte das Sagen gehabt, wenn es ums Spielen ging.

Ich hätte mein Spielzeug mit niemand anderem teilen müssen. Ich hätte meinen Geburtstag mit niemand anderem teilen müssen. Ich hätte Weihnachten mit niemand anderem teilen müssen. Ich hätte meine Eltern mit niemand anderem teilen müssen.

Natürlich hätte es auch Nachteile gegeben. Denn ich hätte niemand anderes gehabt, mit dem ich meine Eltern teilen konnte. Ich hätte niemand anderes gehabt, mit dem ich weder Weihnachten noch meinem Geburtstag teilen konnte. Ich hätte das Sagen mit meinem Spielzeug gehabt, denn es hätte keinen Anderen gegeben, mit dem ich spielen konnte. Ich schätze ich wäre ziemlich einsam gewesen, denn es hat sonst so gut wie keine anderen Kinder meines Alters in der Nachbarschaft gegeben. Wie ich schon vor ein paar Wochen gesagt habe, jeder Bestandteil unseres Lebens demonstriert deutlich die Weisheit Gottes im 1. Mose: es ist nicht gut für uns, allein zu sein. Wir sind soziale Menschen. Wir brauchen andere Menschen.

Von Anfang an im Markusevangelium baut Jesus Beziehungen und Gemeinschaft auf. Das sehen wir in der Berufungsgeschichte der ersten Jünger in der Lesung für heute. „…[Jesus] sah Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. 17 Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!“ Beide Brüder werden nicht nur gleichzeitig berufen: eine Verheißung von wachsender Gemeinschaft ist in dieser Berufung enthalten. „Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!“

„…[Jesus] sah Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten. 20 Und alsbald rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.“ Wiederum bekommen sie gleichzeitig ihre Berufung. Es gibt nicht die gleiche Verheißung der Gemeinschaft, aber sie ist auch nicht mehr nötig, denn es gibt schon zwei, die Jesus folgen.

Dies ist nicht eine Geschichte von robustem Individualismus. Dies ist nicht eine sich-am-eigenen-Schopf-aus-dem-Sumpf-ziehen Geschichte. Jüngerschaft ist nicht ein solitäres, autonomes Unternehmen. Jesus weiß, wir können unsere Jüngerschaft nicht alleine betreiben. Wir können unser Leben nicht alleine meistern. Wir können nicht auf eigene Faust in unsere Berufung hineinleben. Wir können Jesus nicht alleine folgen. Wir brauchen einander. Wir brauchen Advokaten und Mentoren. Wir brauchen Gleichaltrige und Kollegen. Wir brauchen Freunde und Nachbarn. Wir brauchen Gemeinschaft.

Als Nachfolger Jesu, zu persönlichem Glauben und öffentlichem Dienst berufen, kann man sich heutzutage leicht alleine fühlen. Es ist nicht leicht, die Weite des Gottesreiches zu verkündigen, wenn die Zeit für Menschen aus El Salvador abgelaufen ist. Es ist nicht leicht, die Liebe Gottes zu verkündigen, wenn unsere Führenden ganze Länder oder Kontinente mit Schimpfwörter schlechtmachen. Aber lassen wir uns nicht täuschen. Wir tendieren dazu, das Leben der ersten Jünger als irgendwie einfacher zu betrachten. Aber das Leben im Palästina des 1. Jahrhunderts war alles andere als einfach.

„14 Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Man muß sich fragen, wie die Jünger darauf reagierten. Ich würde wetten, daß es für diese ersten Jünger nicht unbedingt so aussah, als ob der Reich Gottes herbeigekommen war. Rom war immer noch an der Macht. Sie lebten in einem besetzten Land. Herodes war der brutale Marionettenkönig, wie die Bemerkung von der Verhaftung Johannes klarmacht. Und Pontius Pilatus regierte im Judäa mit einer eisernen Faust.

Am vergangenen Montag, haben wir den Geburtstag von Martin Luther King, Jr. gefeiert. Wenn das vergangene Jahr uns überhaupt etwas beibrachte, ist es die Tatsache, daß der Traum Martin Luther King, Jr.s längst nicht so weit gekommen ist, wie wir vielleicht gedacht hatten. Natürlich hätten unsere nicht-weißen Brüdern und Schwestern uns das sagen können, wenn wir nur bereit wären, zu fragen und zuzuhören. Die Rede von einem „Post-Racial America“, die kurz nach der Wahl von Präsident Obama auftauchte, kommt einem jetzt als kindlich naiv vor. Das Vertrauen in die Regierung erreicht einem historischen Tiefpunkt. Die Aktienmärkte steigen immer weiter in die Höhe, Löhne bleiben aber flach. Die Opioid-epidemie scheint nur schlimmer zu werden. Wir entdecken zunehmende Fälle von sexueller Gewalt oder Mißbrauch. Aber wiederum, wenn wir nur bereit wären, die Frauen in unserem Leben zu befragen und ihnen zuzuhören, wäre das keine Überraschung für uns gewesen. Fehlalarme von Atomangreifen erinnern uns an die Realität solcher Möglichkeiten. Und Kirchenbesuchszahlen schrumpfen immer weiter.

Also, sag es mir bitte. Ist das Reich Gottes herbeigekommen? Scheint nicht der Fall zu sein.

Ich vermute, daß nicht das Gottesriecht daran schuld ist, sondern unser Verständnis oder Mißverständnis des Gottesreiches. Beachte, daß Jesus sagt nicht einfach, daß das Reich Gottes herbeigekommen ist. Erstens rahmt er das ein mit der Bedingung, daß die Zeit erfüllt ist.

Zwei Bemerkungen über diese entscheidende Konfession: Erstens ist das griechische Wort für „Zeit“ hier „Kairos“, nicht „Kronos“. D.h. nicht die alltägliche, gewöhnliche Zeit, die wir mit Sekunden und Minuten abzählen, sondern die günstige, sogar königliche Zeit der Aktion und Aktivität Gottes. In anderen Worten, Gott mischt sich jetzt ein.

Zweitens, und noch wichtiger, ist das Wort, welches als „erfüllt” übersetzt wird. Das Griechische bedeutet nicht einfach Fülle, sondern Gesamtheit, Vollständigkeit; etwas, was perfekt erstellt ist und bis zum überfliesen gefüllt ist. Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur die Bedeutung des Wortes, sondern die Stellen wo Jesus das Wort benutzt. Erstens: an dieser Stelle, wo er die ersten Jünger beruft. Und Zweitens: Im Garten von Gethsemane, nachdem die Jünger eingeschlafen sind und Judas Jesus mit einem Kuss verrät. Jesus sagt zu der Menge: „Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. 49 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber so muss die Schrift erfüllt werden.” (14:48-49) Dann schließt Markus mit der schonungslosen Bemerkung: „50 Da verließen ihn alle und flohen.“

„…[So] muss die Schrift erfüllt werden.“ – vollständig gemacht, zur Perfektion gebracht, bestimmungsgemäß abgeschlossen, bis zum Überließen gefüllt, weit über Erwartungen hinaus reichlich vorhanden – und das in einer Umgebung von Enttäuschung, Verrat, Gewalt und anscheinend Versagen. Nicht, was man erwartet.

Das Markusevangelium fängt an mit dem Versprechen Jesu an wertlose Arbeiter, daß sie bald Menschenfischern werden. Und es endet mit dem Verzweiflungsschrei Jesu und dem überraschenden Bekenntnis desjenigen, der ihn gekreuzigt hat. Gott taucht immer auf, wo wir Gott am wenigsten erwarten:

In den Worten eines jungen schwarzen Pastors, der das Gefühl hatte, seiner Situation nicht gewachsen sein; In den Taten einer Frau, die es satthatte, ihren Bus-Sitz ihrer Hautfarbe wegen aufgeben zu müssen; In der Ausdauer einer Lehrerin, die ihren Studenten und Studentinnen die Treue hält, auch wenn sie als „hoffnungslos“ oder „Minderleistende“ bezeichnet wurden; In dem mutigen Zeugnis von denjenigen, die sich äußern über den Mißbrauch, den sie ertragen und versteckt haben; In der Treue einer alleinstehenden Mutter, die ihr autistisches Kind pflegt; In der Arbeit, die von so vielen geleistet wird, nicht weil solche Arbeit erfüllend ist, sondern weil es Brot auf den Tisch bringt; In den leisen, gläubigen Gesten, die wir jeden Tag ausüben, für unsere Familien, Gemeinschaften, und die Welt. Gesten, die zum größten Teil unangekündigt und oft unbemerkt bleiben. Und das alles, weil Gott da ist.

Und wie Martin Luther King, Jr., wie Rosa Parks, und übrigens auch wie Martin Luther, sind wir nicht alleine in unseren Bemühungen, das Reich Gottes eine Realität zu machen.

Gott ist da. Gott ist hier. Das ist die gute Nachricht für diese Woche. Gott hat weder uns noch die Welt aufgegeben. Gott taucht immer wieder auf, wo wir Gott am wenigsten erwarten. Gott verwendet unsere Gesten des Glaubens für Ergebnisse jenseits unserer Vorstellung. Gott ist hier, und die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen, sogar – und insbesondere! – wenn es gar nicht so aussieht.

Die Verheißung des Evangeliums heißt nicht, daß harte Umstände abgeschafft werden. Die Verheißung des Evangeliums heißt, daß Gott mitten in harten Umstände mit uns drin ist.

Sie heißt nicht, daß das Böse vor unseren Augen besiegt wird. Sie heißt, daß das Licht in die Finsternis scheint, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.

Das Evangelium ist nicht unbedingt ein Wort des unübersehbaren Sieges. Es ist ein Wort der aushaltenden, mutigen Hoffnung.

Das Evangelium heißt, Erfüllung zu erfahren, wenn alles leer aussieht, denn Gott ist da. Gott ist da, in euren Worten und Taten, und verkündigt mit ihnen das Evangelium und beruft neue Jünger, auch wenn euch das nicht bewußt ist. Seid mutig. Seid beharrlich. Seid dem Glauben treu. AMEN

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

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